
Die Idee für dieses Mixtape gab es schon im Sommer, aber bis zur endgültigen Veröffentlichung musste ich einfach warten, bis die Natur das richtige Setting vorgibt. Es musste erst richtig herbsten und die ersten Anzeichen von Weihnachten mussten sich – mindestens olfaktorisch – andeuten. Denn heute geht es um Songs, die mich in einer ganz besonderen Phase meins Lebens begleitet haben.
Irgendwann Ende der 70er, Anfang der 80er bestand mein Leben hauptsächlich aus Schule und LEGO. Mit LEGO konnte ich mir jeden (Nachmit-)Tag in meinem kleinen Zimmer eine neue Stadt / Welt erschaffen, in der dann mein geliebter SIKU-Fuhrpark seinen festen Platz hatte und für Leben sorgte.
Wenn es aber draußen kälter wurde, durfte ich meine Spielecke vor dem AEG-Asbestmonster (aka Nachtspeicherheizung) im Wohnzimmer beziehen, denn mein Zimmer wurde nur spärlich beheizt. Vorteil: Der Behälter mit den Schokolinsen war in Reichweite und ich musste mich nicht erst hinschleichen.
Und in diesem Wohnzimmer lief den ganzen Tag WDR 2. Vom „Morgenmagazin“ über das „Mittagsmagazin“ mit den eingeschobenen „Zeitzeichen“ und den 20minütigen Verkehrsmeldungen im abendlichen Berufsverkehr bis hin zu „Vom Bosporus nach Gibraltar“ am frühen Abend. Zwangsläufig habe ich dadurch auch viel Musik konsumiert, die zwischen den langen Wortbeiträgen in dieser Zeit auf WDR2 gespielt wurde und ein paar der Songs sind auf dem aktuellen Mixtape verewigt. Eine kleine Hommage an LEGO, den Geschmack von Schokolinsen und an WDR2, den Sender meiner Kindheit:
Lucio Battisti – Ancora Tu: Lohnt allein wegen des flehenden „Amore mio“! Dazu der treibende, dicoeske Beat: Massiv unterschätzte Perle des Italo-Pop!
Dave Brubeck Quartet – Take Five: Ein Takt, der mich damals nervös machte (vor allem wenn der Song ausgespielt wurde) und heute ungemein beruhigt (vor allem wenn der Song ausgespielt wird).
Les Rita Mitsouko – Marcia Bella: Ich weiß gar nicht, ob ich bei dem Song nicht schummle und er eigentlich deutlich später im Radio lief – in meiner Erinnerung lief er aber damals. Basta.
Paolo Conte – Sparring Partner: Ganz kurz bevor dieser Song in der wunderbar melancholischen Serie „Letztes Wort“ mit der diesmal wohltuend ernsten Anke Engelke eine zentrale Rolle spielt, hatte ich ihn für mich zufällig auf Spotify wiederentdeckt – jegliche Bilder aus meiner Erinnerung zu diesem Song werden seitdem von den Bildern aus „Letztes Wort“ überdeckt und womit: Mit RECHT!
Gerry Rafferty – Baker Street: Ich war mir damals 100% sicher, dass Piloten diesen Song hören, wenn sie auf der Startbahn warteten, um bald darauf die Turbinen ihre Jumbos für den Start Richtung New York, San Francisco oder Tokio mit Kerosin zu fluten.
Al Stewart – Year of the cat: Da ich zu dem Zeitpunkt weder Englisch verstanden habe, geschweige denn den Text irgendwie für mich erfassen konnte, blieb für mich hier nur die dahinplätschernde, gefällige Musik und auch hier öffnet zum Ende wieder ein Saxophon den Song und lässt ihn nach großer, weiter Welt klingen.
Miami Sound Machine – Conga: Weltmusik, bevor es so hieß: Die haarscharfen Bläser, die klaren, fast kalten Beats, dazu der Refrain, bei dem ich mir immer die Zunge gebrochen habe und auch heute noch breche (und die Auswirkungen von Gloria Estefan auf meinen Hormonspiegel habe ich komplett außen vor gelassen).
Mink DeVille – Demasiado Corazon: Erst viel später habe ich erfahren, dass die Band ihre Wurzeln im Punk hatte und zu den regelmäßigen Acts in den Anfangstagen des CGBG gehörte, was den Song aber noch mal eine Ecke cooler werden lässt.
Angelo Branduardi – La Pulce D´Acqua: Branduardi stand für mich in etwa auf einer Stufe mit Herman van Veen, ich war mir sogar sicher, dass er in Italien auch in einer Mühle leben würde und wenn Branduardi bei Eltern von MitschülerInnen im Plattenregal stand, konnte man sicher sein, dass zentrale Teile ihrer Lebensmittelbeschaffung im Reformhaus (denn Bio-Läden gab es noch nicht) abgewickelt wurden. StreberInnen-Musik. Aber gut gelaunte.
